Von vipundhip - Geschrieben am 06.03.2007, 15:11
Musiker mit einem Anruf um zehn Uhr morgens aufzuwecken ist eigentlich ein Tabu. SÜDKURIER-Redakteur Michael Lünstroth hat es trotzdem gewagt und Jaël Rahel Krebs, Sängerin der Schweizer Popband Lunik fast aus den Federn geholt. Das Ergebnis ist bezaubernd: Jaël ist gut gelaunt und es entspinnt sich ein Gespräch über das Reisen, die Sehnsucht nach Heimat und warum es einfacher ist, traurige Lieder zu schreiben.
Jaël, die Songs eures aktuellen Albums “Preparing To Leave” handeln oft von Aufbruch, Verlassen, Verlassen-Werden und dem Unterwegs-Sein. Ist das eine Ode an die Rastlosigkeit?
Das sind einfach Themen, die uns in den letzten Monaten beschäftigt haben und irgendwie sind das ja auch Dinge über die sich jeder Gedanken macht.
Das Album macht den Eindruck, das ganze Leben sei eine Reise. Was bedeutet Reisen für dich?
Früher bin ich überhaupt nicht gerne gereist. Ich bin immer so ein Mensch gewesen, der gerne irgendwo ankommt und sich dann ein kleines Überbrückungszuhause schafft. Erst seit diesem Jahr habe ich die Liebe zum Reisen entdeckt. Den Spaß daran, an einem Tag hier zu sein am anderen schon wieder woanders. Das hat mir total den Ärmel reingenommen.
Den Ärmel reingenommen?
Kann man das auf Hochdeutsch nicht sagen? Das ist ein berndeutscher Ausdruck für etwas, das man neu entdeckt und dann ganz toll findet.
Bedeutet Reisen auch immer Veränderung?
Ich denke, alles im Leben bedeutet persönliche Veränderung. Ich kann am besten denken, wenn ich im Zug sitze, die Landschaft an mir vorbeifliegt und ich alles hinter mir lassen kann. Das ist übrigens eine gute Übung um loslassen zu lernen.
Kannst du gut loslassen?
Ich übe. (lacht) Das ist etwas, was ich nicht sehr gut kann, aber ich werde besser. Ich bin da schon ein Stück weiter: Früher brauchte ich dieses Überbrückungszuhause auf Reisen und jetzt kann ich einfach weiterziehen. Das ist doch schon mal ein Schritt.
Ist Erwachsenwerden auch so etwas wie eine Reise?
Ich finde schon. Das Leben ist an sich eine permanente Reise, weil du ständig mit allem was du tust unterwegs bist und alte Dinge hinter dir lässt. Deshalb bin ich auch auf das Bild (”Preparing To Leave”) bei der Namensgebung für unsere aktuelle Platte gekommen und habe mich damit sehr auseinander gesetzt.
In dem philosophischen Sinne des Reisens: Was war Dein bisher schönster Ausflug?
Ich glaube, schlussendlich ist die Reise mit dieser Band wichtig für mich. Als ich zu der Band kam, war ich 19 und heute bin ich 27. In der Zeit habe ich viel gelernt und da bin ich auch wahnsinnig oft an meine Grenzen gestoßen. Ich bin eigentlich nicht ein Mensch gewesen, der wahnsinnig gerne auf einer Bühne steht. Ich habe mich am Anfang immer eher hinter dem Mikrofon versteckt bei Auftritten. Ich bin auch ein Mensch, der es immer allen Recht machen wollte. Und nie Nein sagen konnte. Gerade in diesem Beruf muss man solche Dinge aber sehr, sehr schnell lernen, weil man sich abgrenzen muss. Bei all diesen Sachen merke ich, dass die Musik nicht nur meine Leidenschaft, sondern auch eine Lebensschule für mich ist.

Wenn Lunik ein Reiseland wäre, wie sähe das aus?
Au weia. Spontanität ist auch nicht eine meiner Stärken (lacht). Ich glaube, es gäbe sehr viele Hügel, sehr viel Gewässer. Vielleicht zwischendurch auch mal ein Kampffeld. Und es gäbe viele Arbeitsfabriken. Wir sind alles richtige Arbeiter.
Du schreibst auch selber Songs: Schon mal vorgekommen, dass du Liedtexte als Liebesbriefe verwendet hast?
Nein, so direkt nicht. Aber es gibt Songs, die entstanden sind wegen gewisser Menschen. Die wissen das auch.
Euer aktuelles Album hat viele traurige Lieder: Ist es leichter traurige Texte zu schreiben?
Ja, für mich unbedingt. Ich bin aber noch nicht ganz dahinter gekommen weshalb. Aber ich merke, dass ich in der Stimmung des Traurigseins das Bedürfnis habe zu schreiben. Das kommt dann wie von alleine. Wenn ich glückliche Songs schreiben soll, dann muss ich mich schon sehr zwingen: Wenn’s mir einfach gut geht, dann gehe ich lieber raus und habe Spaß und mache was weiß ich was. In solchen Stimmungen ist schon viel entstanden, was die Welt Gott sei Dank nie erblickt hat, weil es so schlecht war. In der Trauer bin ich mir irgendwie näher.
Von vipundhip - Geschrieben am 07.12.2006, 17:54
Heute sind wir einfach mal nur der direkte Draht zu frischen Interviews. Zum Beispiel zu dem der Gala mit Schauspieler Brad Pitt. Da gibt es so schöne Passagen wie die Folgende, als Pitt seine Definition von Liebe erklären soll:
„Der Begriff von Liebe ändert sich, wenn man älter wird. Als ich 13 Jahre alt war, hatte ich meine erste Freundin. Ich dachte, dass ich in sie verliebt sei. Erst heute verstehe ich, worauf es ankommt. Und je besser ich die Frau, die ich liebe, kenne, desto mehr verstehe ich auch, was ihr wichtig ist und was für uns als Team zählt. Ich hatte es nie besser, war nie glücklicher als heute. Damit das so bleibt, sollte man in der Liebe jedoch immer kreativ sein.“
Ebenfalls hübsch zu lesen sind die Interviews, die jetzt.de mit Schauspielerin und Regisseurin Franka Potente gemacht hat und die Abrechnung von Muriel Baumeister mit den Boulevardmedien in der heutigen taz. Sehr köstlich.
Damit verabschiedet sich vipundhip ins lange Wochenende und kommt am Montag gegen 18 Uhr wieder zurück.
Von vipundhip - Geschrieben am 13.10.2006, 17:05
Am kommenden Montag erscheint das neue Album der deutschen Popband Juli. “Ein neuer Tag” wird es heißen und pünktlich zum Erscheinungstermin lest ihr hier noch mal das Interview mit den fünf Musikern, das wir im August in Berlin geführt haben. Als Extra gibt es neue Bilder von der Band und der jetzt erblondeten Sängerin Eva Briegel.
Interview mit der Popband Juli über das schwierige zweite Mal und das Gefühl den Soundtrack einer Generation geschrieben zu haben.

Am ersten Tag nach der Präesentation des neuen Albums “Ein neuer Tag” treffen wir die Popband Juli in einem Berliner Hotel am Alexanderplatz. Alle fünf sitzen an einem runden Tisch und wirken sehr entspannt. Sie sind ziemlich stolz auf ihr neues Werk.
Euer erstes Album war wahnsinnig erfolgreich, es gab zig Auszeichnungen und ausverkaufte Konzerte. Wie war es nach diesem Dauerhoch wieder ins Studio zu gehen und dem Alltag zu begegnen?
Simon Triebel, Gitarrist: Am Anfang war es komisch. Weil wir anderthalb Jahre vorher viel unterwegs waren und kaum an Songs gearbeitet haben. Es ging aber später dann ganz gut.
Eva Briegel, Sängerin: Ich fand es schwierig, wieder ins Schreiben zu kommen. Beim ersten Mal saß ich vor meinem weißen Blatt und dachte: Wo soll’s denn hingehen? Wie möchte ich denn schreiben? Das war der schwierige erste Schritt und den muss man ja mal irgendwo hinsetzen, um eine Ahnung von der neuen Richtung zu bekommen.
Hat sich das Gefühl beim Songschreiben im Vergleich zum ersten Mal verändert?
Simon: Beim ersten Album war es so, dass wir vier, fünf Jahre vor der Veröffentlichung damit angefangen haben Lieder zu schreiben. Das war jetzt ein ganz anderes Arbeiten, weil man nicht auf ganz so viele Einflüsse zurückgreifen konnte in der Zeit zwischen Tour und neuem Album. Das hat es ein bisschen schwieriger gemacht. Wir kamen von der Tour und worüber sollst du dann schreiben? Darüber wie du morgens aus dem Bus steigst oder darüber wie das Catering an einem Tag war? Nee, darüber kann man keine Songs schreiben. Deshalb war es wichtig, noch mal ein bisschen leben zu können.
Eva: Sonst wäre die Gefahr auch zu groß gewesen, dass wir über ein Leben schreiben, das allen fremd ist.
Wird das Texte schreiben irgendwann immer schwieriger?
Eva: Nein. Es wird immer einfacher, je mehr Praxis man bekommt. Das kann man genauso üben wie Gitarre spielen. Sofern man Interesse daran hat mit der Sprache umzugehen. Und du merkst dann ja auch, was funktioniert. Und du merkst, was dich selber nach zwei Jahren noch anspricht. Gefühl für Sprache und Rhythmus – das sind ja alles Sachen, wo du immer besser wirst, je häufiger du schreibst.
Kommt man nicht irgendwann an einen Punkt, an dem man mal keine Lust hat kreativ zu sein?
Jonas: Das hat mit Lust nichts zu tun. Manchmal setzt man sich hin und merkt nach einer halben Stunde, dass es in dem Moment keinen Sinn macht. Wenn du um vier einen Zahnarzttermin hast, dann brauchst du davor nicht anzufangen, ein Lied zu schreiben.
Eva: Ich habe es mir zur Regel gemacht, mich jeden Tag hinzusetzen vor meinen Laptop, die Sachen an denen ich arbeite aufzumachen, sie durchzulesen und dann gucke ich ob neue Ideen kommen. Da sitze ich dann eine halbe Stunde und wenn was kommt, dann kommt’s. Und wenn nicht, dann mache ich den Laptop wieder zu und probiere es am nächsten Tag noch mal.

Wann schreibt ihr eure Texte?
Jonas: Wenn es dunkel wird, bin ich eigentlich am entspanntesten. Nachts ist mein Gehirn irgendwie anders.
Eva: Ich kann am besten draußen schreiben.
Jonas: Das kann ich zum Beispiel überhaupt nicht. Dafür kann ich manchmal in absurden Situationen schreiben. Den Song „Wenn du mich lässt“ vom neuen Album habe ich während einer Zugfahrt von Berlin nach Gießen geschrieben. Ich saß im Caféabteil, es war unfassbar überfüllt, ich konnte nur irgendwo anlehnen und hab Musik gehört und irgendwie plötzlich habe ich schnell einen Zettel gesucht und alles aufgeschrieben. Das war total seltsam.
Eva: „Ein neuer Tag“ habe ich halb fertig gemacht auf einem Sportfreunde Stiller Konzert. Wenn man gezwungen ist nachzudenken, weil man sowieso nichts anderes machen kann – da kommt manchmal auch viel bei raus.
Das zweite Album gilt oft als das schwierigste für Musiker, wie geht ihr mit dem Druck um?
Eva: Lustig, diese Frage wird uns fast immer gestellt. Dabei verspürten wir selbst lange eigentlich keinen großen Druck. Erst als wir länger in der Produktion waren, kam von Freunden Bemerkungen wie: Und, ihr müsst doch jetzt total den Druck verspüren, oder? Meint ihr, ihr könnt an den Erfolg noch mal anknüpfen? Da sind wir schon ein bisschen kribbeliger geworden.
Simon: Es ist vor allem die Angst, die Erwartungen der Freunde nicht erfüllen zu können.
Jonas: Aber eigentlich kamen dieser Druck oder diese Erwartungen nie aus uns heraus, sondern sie wurden von außen an uns herangetragen.
In euren neuen Songs geht es häufig um Zweifel, Unsicherheit, Liebe und Freundschaft. Klingt manchmal ein bisschen wie der Soundtrack der verunsicherten jungen Generation…
Simon: Ich würde mir nie anmaßen zu sagen, wir hätten den Soundtrack einer Generation geschrieben.
Jonas: Das war auch nicht das was wir wollten.
Simon: Es ist auf jeden Fall der Soundtrack zu unserem Leben. Und offensichtlich gibt es einige Leute, die sich damit identifizieren können.
Jonas: Um dieses Lebensgefühl zu treffen müssen wir uns ja keine große Mühe geben, wir sind da ja relativ nah dran. Wir sind ein Teil dieser Generation. Und ich hoffe auch, dass wir dadurch die Leute erreichen können.
Also die im Musikbusiness so gepriesene Authentizität?
Jonas: Unsere Texte sind auf jeden Fall nicht gekünstelt. Wir sind keine Superstars, die in einer Villa sitzen in Hollywood und darüber einen Text schreiben, wie hart es ist auf der Straße zu leben.
Eva: Unsere Texte drehen sich ja immer um uns selber. Wir behandeln eigentlich fast nie den gesellschaftlichen Kontext oder irgendeine Idee. Es dreht sich eigentlich immer um den Schreiber.
Wie die junge Generation, die auch viel um sich selber kreist?
Eva: Unsere Generation ist schon total auf sich selbst konzentriert. Dadurch, dass man so viel machen kann, muss man sich aber auch unglaublich mit sich selbst beschäftigen, um rauszufinden, was man denn will.
Gibt es zu viele Optionen im Leben?
Eva: Ich glaube schon. Weil es nicht mehr vorgegeben ist: Mein Papa ist jetzt Bäcker, also werde ich das auch. Stattdessen muss man wirklich jahrelang überlegen: Was will ich denn machen? Wie möchte ich denn glücklich werden? Was macht mich glücklich? Dadurch dreht man sich viel um sich selber, finde ich.
Am 22. September erscheint eure neue Single, drei Wochen später das neue Album. Was passiert in der Zwischenzeit?
Marcel: Da machen wir genau das, was wir jetzt gerade machen: Interviews, Promotion, Proben.
Simon: Wir haben jetzt neun Monate dafür gearbeitet. Ich freu mich tierisch auf den Tag, an dem das Ding endlich rauskommt und die Leute sich unsere neuen Songs anhören können.
(lün @berlin )
Von vipundhip - Geschrieben am 31.08.2006, 20:13
Es ist gerade einmal sechs Monate her, da war Tobias Regner der gefeierte neue Superstar der RTL-Show ”Deutschland sucht den Superstar”. Inzwischen ist es ruhiger um den blonden Bayern geworden. Die Halbwertszeit gecasteter Popstars scheint immer kürzer zu werden. Ich spreche ihn nach einem Termin bei einer Fernseh-Kindersendung. Er wirkt ein wenig angespannt. Im Interview spricht Regner über den Kampf gegen das Vergessenwerden und die Angst vor dem Absturz.

Vor sechs Monaten hast du bei „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) gewonnen – wie geht es dir jetzt?
Tobias Regner: Es hat sich alles normalisiert. In der ersten Zeit war ich viel unterwegs. Ich war jeden zweiten Tag in einer anderen Stadt und habe nur Interviews gegeben und Fotoshootings gemacht. Das war ziemlich fordernd. Nach der Tour mit Mike Leon Grosch wurde es merklich ruhiger.
Haben sich deine Freundschaften durch den Erfolg verändert?
Bei meinen Freunden, die ich auch vorher hatte, hat sich nichts verändert, das ist ziemlich geil. Da bin ich auch echt froh drüber, denn das ist so meine Anlaufstelle, wenn man mal nach Hause kommt. Leute, die ich jetzt kennen lerne behandeln mich ganz anders – aber man überlegt dann auch, warum tun die das? Klar, weil sie mich eben durch die Show kennen und nicht wirklich mich persönlich als Menschen. Das ist dann ab und zu auch schon mal langweilig, wenn dich von Haus aus jeder mag. Da muss man ja gar nichts mehr dafür tun oder dafür kämpfen.
Dein erster Song hieß „I still burn“ – brennst du noch oder bist du schon ausgebrannt?
Kommt ganz drauf an für was ich brenne. Für meine Musik natürlich nach wie vor. Wenn du auf Frauensachen anspielen willst: Ich konzentriere mich jetzt gerade erstmal auf mein musikalisches Ding. Andererseits: Irgendwie fühlt man sich schon ein bisschen einsam ab und zu, aber ich habe so viel zu tun, dass mir nie langweilig wird.
Keine Spur von Erschöpfung?
Ausgebrannt bin ich mit Sicherheit noch nicht, ich erlebe das Ganze jetzt ein bisschen anders, ich sehe es jetzt mit anderen Augen – viel realistischer, weil dieser ganze DSDS-Hype nur ein paar Monate angedauert hat. Dann kam die WM und dann sind Mike und ich schon ein bisschen uninteressanter geworden. Man merkt schon, wie sehr das Interesse abnimmt. Jetzt liegt es an mir, dass ich mich auf meine Hinterfüße stelle und durch meine eigene Arbeit den Erfolg am Leben erhalte.
Die zweite Single landete nur auf Platz 38: Ist das jetzt schon der Kampf gegen das Vergessenwerden?
Das würde ich nicht so sagen. Ich hatte auch nicht erwartet, dass der zweite Song so reinhaut wie der erste. Er war bewusst gewählt, um mich zu positionieren. Es ging uns darum zu sagen: Tobi ist kein Kuschelrocker. Dieses Image will ich nicht. Ich wollte eine härtere Single raus bringen. Grundsätzlich ist der Kampf gegen das Vergessenwerden, aber immer da.
Andere Castingshowgewinner stiegen steil und fielen tief: Hast du Angst vor dem Absturz?
Ich mache mir auf jeden Fall Gedanken, das ist klar. Ich überlege auch, warum die so schnell vergessen wurden, ob das daran liegt, dass man in so kurzer Zeit so hoch gepusht wird. Oder ob es daran liegt, dass unsere Zeit einfach so schnelllebig ist, dass man ständig etwas Neues braucht, um unterhalten zu werden. Die Leute, die DSDS geschaut haben sind ziemlich jung und bei denen kann es eben sein, dass sie heute auf Hip-Hop stehen und nächste Woche auf Punk. Ich versuche den Leuten das zu geben, was sie wollen, aber genau das ist die schwierige Sache, weil man diesen Nerv nicht hundertprozentig voraus berechnen kann.
Justin Timberlake, Kelly Clarkson: in den USA haben gecastete Popstars viel größeren Erfolg…
Ich glaube, es ist so, dass Castingshows in Deutschland ein schlechteres Image haben als in anderen Ländern. Ich weiß auch nicht warum das bei uns so schwierig ist. Vielleicht haben die Castingshows durch die ersten beiden Staffeln ein schlechtes Image bekommen. Bei DSDS zählt ja auch immer das Gesamtpaket. Nicht nur das Singen ist wichtig, sondern auch das Aussehen und das Auftreten. Vielleicht hat man in Deutschland zu wenig Wert auf die Musik gelegt. Dadurch ist auch ein Daniel Küblböck groß geworden. Der vielleicht gar nicht so gut singen kann, der aber durch seine ausgeflippte Art ein paar Leute begeistert hat und andere wiederum absolut überhaupt nicht. Da ist vielleicht auch das Image entstanden: Castingshow – da kommen Leute raus, die nicht unbedingt gut singen können müssen.
Liegt es vielleicht auch daran, dass die Amerikaner mehr Talente haben?
Weiß nicht. Das muss an der Gesellschaft liegen, an den Interessen der Leute, was sie von so einem Star erwarten. Vielleicht ist das in den USA einfach anders. Das liegt auch an der Mentalität der Leute.
Amerikaner gehen mit ihren Stars auch ganz anders um…
In den USA ist man eher stolz drauf, dass man einen Star hat. Und das sollte man eigentlich auch sein, man sollte sich freuen, dass ein junger Musiker gefördert wird. Hier ist dann häufiger mal der Neid mit im Spiel.
Wäre dein Erfolg vielleicht nachhaltiger gewesen ohne DSDS?
Wenn ich es auf dem harten Weg geschafft hätte, dann wäre ich in der Situation, in der ich jetzt bin auf jeden Fall sicherer, weil ich wüsste, ich habe mir die Leute erkämpft und die mögen mich nicht wegen der Castingshow DSDS sondern mögen mich, weil ich mich selber hoch gekämpft habe. Das ist im Nachhinein aber schwer zu sagen.
RTL sucht bereits den neuen Superstar: Spürst du den Atem des Nachfolgers im Nacken?
Nein, Bedenken habe ich da keine, dass der mir irgendwie gefährlich werden könnte. Ich bin gespannt drauf, wie es wird, wenn die nächste Staffel anfängt und auch darauf wie mein Nachfolger sein wird: Frau, Mann, Rocker, Soul. Angst davor habe ich nicht wirklich. Es gibt ja genug andere Bands, die mir den Erfolg wegschnappen könnten.
Schaust du dir die neue Staffel an?
Ich werde es mit Interesse verfolgen, mir jede Sendung reinziehen. Eigentlich komisch, weil ich die ersten beiden Staffeln nicht gesehen habe – das war überhaupt nicht mein Ding. Inzwischen bin ich DSDS-Fan. Das kann sich aber auch wieder ändern: Vielleicht finde ich die neue Staffel auch total beschissen, dann bin ich kein Fan mehr.
Das Gespräch führte Michael Lünstroth
Von vipundhip - Geschrieben am 20.08.2006, 21:03
Interview mit der Popband Juli über das schwierige zweite Mal und das Gefühl den Soundtrack einer Generation geschrieben zu haben.
Am ersten Tag nach der Präesentation des neuen Albums “Ein neuer Tag” treffen wir die Popband Juli in einem Berliner Hotel am Alexanderplatz. Alle fünf sitzen an einem runden Tisch und wirken sehr entspannt. Sie sind ziemlich stolz auf ihr neues Werk.
Euer erstes Album war wahnsinnig erfolgreich, es gab zig Auszeichnungen und ausverkaufte Konzerte. Wie war es nach diesem Dauerhoch wieder ins Studio zu gehen und dem Alltag zu begegnen?
Simon Triebel, Gitarrist: Am Anfang war es komisch. Weil wir anderthalb Jahre vorher viel unterwegs waren und kaum an Songs gearbeitet haben. Es ging aber später dann ganz gut.
Eva Briegel, Sängerin: Ich fand es schwierig, wieder ins Schreiben zu kommen. Beim ersten Mal saß ich vor meinem weißen Blatt und dachte: Wo soll’s denn hingehen? Wie möchte ich denn schreiben? Das war der schwierige erste Schritt und den muss man ja mal irgendwo hinsetzen, um eine Ahnung von der neuen Richtung zu bekommen.
Hat sich das Gefühl beim Songschreiben im Vergleich zum ersten Mal verändert?
Simon: Beim ersten Album war es so, dass wir vier, fünf Jahre vor der Veröffentlichung damit angefangen haben Lieder zu schreiben. Das war jetzt ein ganz anderes Arbeiten, weil man nicht auf ganz so viele Einflüsse zurückgreifen konnte in der Zeit zwischen Tour und neuem Album. Das hat es ein bisschen schwieriger gemacht. Wir kamen von der Tour und worüber sollst du dann schreiben? Darüber wie du morgens aus dem Bus steigst oder darüber wie das Catering an einem Tag war? Nee, darüber kann man keine Songs schreiben. Deshalb war es wichtig, noch mal ein bisschen leben zu können.
Eva: Sonst wäre die Gefahr auch zu groß gewesen, dass wir über ein Leben schreiben, das allen fremd ist.
Wird das Texte schreiben irgendwann immer schwieriger?
Eva: Nein. Es wird immer einfacher, je mehr Praxis man bekommt. Das kann man genauso üben wie Gitarre spielen. Sofern man Interesse daran hat mit der Sprache umzugehen. Und du merkst dann ja auch, was funktioniert. Und du merkst, was dich selber nach zwei Jahren noch anspricht. Gefühl für Sprache und Rhythmus – das sind ja alles Sachen, wo du immer besser wirst, je häufiger du schreibst.
Kommt man nicht irgendwann an einen Punkt, an dem man mal keine Lust hat kreativ zu sein?
Jonas: Das hat mit Lust nichts zu tun. Manchmal setzt man sich hin und merkt nach einer halben Stunde, dass es in dem Moment keinen Sinn macht. Wenn du um vier einen Zahnarzttermin hast, dann brauchst du davor nicht anzufangen, ein Lied zu schreiben.
Eva: Ich habe es mir zur Regel gemacht, mich jeden Tag hinzusetzen vor meinen Laptop, die Sachen an denen ich arbeite aufzumachen, sie durchzulesen und dann gucke ich ob neue Ideen kommen. Da sitze ich dann eine halbe Stunde und wenn was kommt, dann kommt’s. Und wenn nicht, dann mache ich den Laptop wieder zu und probiere es am nächsten Tag noch mal.
Wann schreibt ihr eure Texte?
Jonas: Wenn es dunkel wird, bin ich eigentlich am entspanntesten. Nachts ist mein Gehirn irgendwie anders.
Eva: Ich kann am besten draußen schreiben.
Jonas: Das kann ich zum Beispiel überhaupt nicht. Dafür kann ich manchmal in absurden Situationen schreiben. Den Song „Wenn du mich lässt“ vom neuen Album habe ich während einer Zugfahrt von Berlin nach Gießen geschrieben. Ich saß im Caféabteil, es war unfassbar überfüllt, ich konnte nur irgendwo anlehnen und hab Musik gehört und irgendwie plötzlich habe ich schnell einen Zettel gesucht und alles aufgeschrieben. Das war total seltsam.
Eva: „Ein neuer Tag“ habe ich halb fertig gemacht auf einem Sportfreunde Stiller Konzert. Wenn man gezwungen ist nachzudenken, weil man sowieso nichts anderes machen kann – da kommt manchmal auch viel bei raus.
Das zweite Album gilt oft als das schwierigste für Musiker, wie geht ihr mit dem Druck um?
Eva: Lustig, diese Frage wird uns fast immer gestellt. Dabei verspürten wir selbst lange eigentlich keinen großen Druck. Erst als wir länger in der Produktion waren, kam von Freunden Bemerkungen wie: Und, ihr müsst doch jetzt total den Druck verspüren, oder? Meint ihr, ihr könnt an den Erfolg noch mal anknüpfen? Da sind wir schon ein bisschen kribbeliger geworden.
Simon: Es ist vor allem die Angst, die Erwartungen der Freunde nicht erfüllen zu können.
Jonas: Aber eigentlich kamen dieser Druck oder diese Erwartungen nie aus uns heraus, sondern sie wurden von außen an uns herangetragen.
In euren neuen Songs geht es häufig um Zweifel, Unsicherheit, Liebe und Freundschaft. Klingt manchmal ein bisschen wie der Soundtrack der verunsicherten jungen Generation…
Simon: Ich würde mir nie anmaßen zu sagen, wir hätten den Soundtrack einer Generation geschrieben.
Jonas: Das war auch nicht das was wir wollten.
Simon: Es ist auf jeden Fall der Soundtrack zu unserem Leben. Und offensichtlich gibt es einige Leute, die sich damit identifizieren können.
Jonas: Um dieses Lebensgefühl zu treffen müssen wir uns ja keine große Mühe geben, wir sind da ja relativ nah dran. Wir sind ein Teil dieser Generation. Und ich hoffe auch, dass wir dadurch die Leute erreichen können.
Also die im Musikbusiness so gepriesene Authentizität?
Jonas: Unsere Texte sind auf jeden Fall nicht gekünstelt. Wir sind keine Superstars, die in einer Villa sitzen in Hollywood und darüber einen Text schreiben, wie hart es ist auf der Straße zu leben.
Eva: Unsere Texte drehen sich ja immer um uns selber. Wir behandeln eigentlich fast nie den gesellschaftlichen Kontext oder irgendeine Idee. Es dreht sich eigentlich immer um den Schreiber.
Wie die junge Generation, die auch viel um sich selber kreist?
Eva: Unsere Generation ist schon total auf sich selbst konzentriert. Dadurch, dass man so viel machen kann, muss man sich aber auch unglaublich mit sich selbst beschäftigen, um rauszufinden, was man denn will.
Gibt es zu viele Optionen im Leben?
Eva: Ich glaube schon. Weil es nicht mehr vorgegeben ist: Mein Papa ist jetzt Bäcker, also werde ich das auch. Stattdessen muss man wirklich jahrelang überlegen: Was will ich denn machen? Wie möchte ich denn glücklich werden? Was macht mich glücklich? Dadurch dreht man sich viel um sich selber, finde ich.
Am 22. September erscheint eure neue Single, drei Wochen später das neue Album. Was passiert in der Zwischenzeit?
Marcel: Da machen wir genau das, was wir jetzt gerade machen: Interviews, Promotion, Proben.
Simon: Wir haben jetzt neun Monate dafür gearbeitet. Ich freu mich tierisch auf den Tag, an dem das Ding endlich rauskommt und die Leute sich unsere neuen Songs anhören können.
(lün @berlin )